#MasterStory: Osteopathie und Brustkrebsremission - Eine qualitative Studie
Welche Erwartungen und Erfahrungen haben Brustkrebspatientinnen in Remission, die in der Westschweiz leben, im Rahmen einer osteopathischen Behandlung?
Eine phänomenologische Studie durchgeführt von Jeanne, Francesca und Emilie
Unsere Masterarbeit befasste sich mit den Erwartungen und Erfahrungen von in der Westschweiz lebenden Brustkrebspatientinnen in Remission, während einer osteopathischen Behandlung.
Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Zwischen 2015 und 2019 verzeichnete das Schweizer Bundesamt für Statistik jährlich 6'500 neue Fälle. Dank systematischer Vorsorgeprogramme wird der Krebs heute oft frühzeitig erkannt. Da die Überlebensrate hoch ist (89 % nach 5 Jahren in der Schweiz), ist es wichtig, sich mit den Erfahrungen dieser Patientinnen nach der Behandlung zu befassen, da sie auch in Remission körperliche und psychische Folgen davontragen können. Mehrere Studien haben gezeigt, dass manuelle Therapien die Schmerzen bei Patientinnen in Remission nach Brustkrebs verringern. Die Erwartungen von Patient:innen, die aus anderen Gründen eine osteopathische Behandlung in Anspruch nehmen, wurden in Studien zusammengefasst. Die Erwartungen und Erfahrungen von Patientinnen in Remission nach Brustkrebs sind jedoch kaum bekannt.
Methode
Für diese qualitative, phänomenologische Studie wurden Frauen in Remission nach Brustkrebs ausgewählt, die seit ihrer Remission eine Osteopath:in in der Schweiz aufgesucht haben. Sie wurden über Vereinigungen für Brustkrebspatientinnen mittels Schneeballmethode rekrutiert. Die Daten wurden mittels halbstrukturierter Interviews bis zur theoretischen Sättigung erhoben. Sie wurden analysiert, um die Hauptthemen herauszuarbeiten.
Ergebnisse
Zwölf Frauen nahmen an der Studie teil. Zum Zeitpunkt des Interviews waren sie zwischen 40 und 82 Jahre alt. Alle Teilnehmerinnen hatten sich zur Behandlung ihrer Krebserkrankung einem chirurgischen Eingriff unterzogen (teilweise/vollständige/doppelte Mastektomie). Die Mehrheit hatte zudem eine Chemotherapie, Strahlentherapie, Immuntherapie und/oder Hormontherapie erhalten. Mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen befindet sich zwar in Remission, erhält jedoch weiterhin Behandlungen zur Krebsrezidivprävention.
Was die Erwartungen betrifft, so suchen die Patientinnen vor allem osteopathische Behandlung auf, um anhaltende Schmerzen (Schulter- und Rückenschmerzen, Verspannungen nach der Mastektomie) zu lindern und ihre Beweglichkeit zu verbessern. Sie streben ein allgemeines Wohlbefinden an, insbesondere um die Nebenwirkungen der präventiven Behandlungen zu mildern.
Die Osteopathie wird als Mittel angesehen, körperliche Verspannungen zu lindern und Verschiebungen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Manche Patientinnen suchen die Behandlung auch präventiv auf, um ihre Körperhaltung nach Operationen zu kontrollieren.
Sie suchen einen Ort der Entspannung und einen Moment für sich selbst, um sich nach einer anstrengenden medizinischen Behandlung wieder zu sammeln. Sie erwarten, dass die Osteopath:in ihre Erfahrungen und ihren emotionalen Zustand berücksichtigt und so die psychologischen Auswirkungen der Krankheit einbezieht.
Was die Erfahrungen bei osteopathischen Konsultationen betrifft, schätzen die Teilnehmerinnen vor allem die für die Konsultationen eingeräumte Zeit, das Gefühl, dass ihnen zugehört wird, und die sanfte, angepasste Behandlung. Die Patientinnen legen auch Wert darauf, Erklärungen zu ihrer Behandlung zu erhalten. Die Osteopathie wird als Ergänzung zur Schulmedizin wahrgenommen.
Fazit
Aus den Interviews konnten wir sechs Hauptthemen herausarbeiten:
1. Unterstützung bei Nebenwirkungen der präventiven Behandlungen
Einige Teilnehmerinnen, die sich noch in einer präventiven Krebsbehandlung befinden, berichten von Nebenwirkungen wie Muskelsteifheit, Migräne und Atembeschwerden. Sie erwähnen, dass die Osteopathie ihnen hilft, diese Symptome zu lindern und dass sie ohne sie ihre präventive Behandlung abgebrochen hätten. Eine andere Studie hat gezeigt, dass starke muskuloskelettale Schmerzen zu einem vorzeitigen Abbruch der Hormontherapie führen können. Die Osteopathie könnte möglicherweise Unterstützung bieten, damit sie ihre Behandlung fortsetzen und somit das Rezidivrisiko senken können.
2. Bedürfnis, beruhigt zu werden
Mehrere Teilnehmerinnen äußerten ein starkes Bedürfnis nach Beruhigung, wenn neue Schmerzen auftreten, da sie befürchten, dass diese ein Anzeichen für ein Rezidiv sein könnten. Diese Angst ist bekannt und erforscht: Etwa 50 % der Krebsüberlebenden fürchten auch 10 Jahre nach der Erstdiagnose noch ein Rezidiv.
Nach Abschluss der medizinischen Behandlungen beschreiben mehrere Teilnehmerinnen ein Gefühl der Leere. Einige hätten sich klare Hinweise darauf gewünscht, wann der richtige Zeitpunkt für einen Besuch bei Osteopath:in ist, oder eine regelmäßige Nachsorge, falls sie das Bedürfnis danach verspüren.
3. Körperbild
Bei osteopathischen Konsultationen berichten mehrere Patientinnen, die sich in der Remissionsphase einer Brustkrebserkrankung befinden, von einem schwierigen Verhältnis zur Nacktheit. Einige konnten ihre Kleidung anbehalten, was als Erleichterung empfunden wurde; andere hätten sich gewünscht, über diese Möglichkeit informiert worden zu sein, um sich nicht unbehaglich zu fühlen.
Die Teilnehmerinnen betonen, wie wichtig es ist, von nur einer Therapeut:in betreut zu werden. So müssen sie ihre Geschichte nicht ständig neu erzählen, was die Angst vor einem kritischen Blick mindert und das Vertrauensverhältnis stärkt. Einige Patientinnen legen Wert auf das Geschlecht der behandelnden und bevorzugen Frauen.
Das Körperbild ist ein wichtiges Thema: Viele sagen, dass sie ihren Körper nicht mehr wiedererkennen und dass der Osteopath oder die Osteopathin durch seine oder ihre Berührungen unter anderem eine Wiederverbindung mit dem Körper ermöglicht.
4. Spezialisierung
Einige Teilnehmerinnen hätten sich gewünscht, von einem-er auf Onkologie spezialisierten Osteopath oder Osteopathin behandelt zu werden. Dieser Wunsch nach Spezialisierung hängt mit einem Gefühl der Sicherheit zusammen, da sich die Teilnehmerinnen bei Therapeut:innen wohler fühlen, die bereits mehrfach Patientinnen dieser Art betreut haben.
Die Einführung von Fortbildungen zur Betreuung von Patientinnen in Remission könnte somit die Kompetenzen und Kenntnisse der Therapeut:innen stärken und die Qualität der angebotenen Nachsorge verbessern.
5. Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Einige Teilnehmerinnen hätten sich gewünscht, dass ihnen die Osteopathie früher in ihrem Behandlungsverlauf angeboten worden wäre. Diese mangelnde Sichtbarkeit der Osteopathie im Versorgungsnetz zeugt von einer schwachen interprofessionellen Kommunikation, insbesondere mit Hausarzt:in oder Onkolog:innen. Mehrere Teilnehmerinnen äußerten einen Mangel an Informationen über den Kompetenzbereich der Osteopathie.
6. Vorstellungen über die Osteopathie
Einige Teilnehmerinnen schätzen es, dass die Osteopath:in die schmerzhaften Bereiche spontan identifiziert, ohne dass sie darauf hinweisen müssen. Einige sprechen von einer Therapeut:in, die „sieht“ oder „spürt“, was sie selbst nicht wahrnehmen. Es kann vorkommen, dass gewisse Osteopath:innen diese Vorstellung einer besonderen Wahrnehmungsfähigkeit selbst verstärken oder sogar vermitteln, was zu einem positiven, aber auch potenziell unklaren Bild der Praxis beitragen kann.
Take home message
- Das Thema der Nachsorge nach einer Krebserkrankung ansprechen: Es ist unerlässlich, einen Dialog darüber zu führen, um die Nachsorge an die Bedürfnisse der Patientinnen anzupassen.
- Die Kleiderwahl während der Sitzung respektieren: Es ist von grundlegender Bedeutung, mehrere Optionen anzubieten und eine Einwilligung nach Aufklärung einzuholen.
- Fortbildung zur Nachsorge nach Brustkrebs: Therapeut:innen, die mit onkologischen Patientinnen arbeiten, müssen über die mit der Hormontherapie und den Behandlungen verbundenen Schmerzen informiert sein.
- Stärkung der interdisziplinären Kommunikation: Ein besserer Austausch mit den verschiedenen Gesundheitsfachkräften, die die Patientinnen betreuen, würde eine bessere Versorgung ermöglichen.