Welche Informationen geben Osteopath*innen in der Westschweiz an ihre Patient*innen weiter? Eine phänomenologische Studie von Claire Simonet-Theux und Marie Sridharan

Wir werden Ihnen unsere Masterarbeit vorstellen, die sich mit folgender Frage beschäftigt: die freie und informierte Einwilligung – welche Informationen geben Osteopath*innen in der Westschweiz an ihre Patient*innen weiter?
Wie von der FSO oder dem BAG erwähnt, ist die Einwilligung verpflichtend. Sie muss bei jeder Patientin und jedem Patienten vor jeder klinischen Untersuchung und Behandlung eingeholt werden. Die Einwilligung kann implizit sein – das heisst, sie wird vorausgesetzt – oder explizit, also vom Patienten bzw. von der Patientin mündlich geäussert. Damit sie gültig ist, muss sie von einer informierten Person gegeben werden. In diesem Fall spricht man von „freier und informierter Einwilligung“. In unserer Arbeit haben wir uns besonders für den Aspekt „informiert“ interessiert. Dazu gibt die FSO an, dass der Therapeut seine Patient*innen „umfassend, ehrlich und wahrheitsgemäss“ informieren muss. Dabei ist der Osteopath „frei, die beste Art der Kommunikation für seine Erklärungen zu wählen“. Da diese Richtlinien relativ vage und interpretationsanfällig sind, haben wir uns gefragt, wie Osteopath*innen dies in ihrer Praxis umsetzen. Wir wollten herausfinden, wie sie ihre Patient*innen informieren, um deren Einwilligung einzuholen.

Methode

Zu diesem Zweck haben wir 11 Osteopath*innen mit unterschiedlicher Berufserfahrung, Ausbildung und unterschiedlichen Geschlechtern aus unserem Netzwerk befragt, um eine möglichst grosse Vielfalt an Profilen abzubilden.
Wir haben sie gebeten, die wichtigsten Schritte einer Konsultation mit einer neuen Patientin bzw. einem neuen Patienten zu beschreiben und anzugeben, welche Informationen sie in diesen einzelnen Schritten vermitteln. Den Begriff „Einwilligung“ haben wir bewusst nicht erwähnt, um Verzerrungen zu vermeiden. Anschliessend haben wir die erhobenen Daten analysiert.

Ergebnisse

Hier ein Überblick über die Ergebnisse. Wir haben drei verschiedene Aspekte der Information identifiziert.
Erstens den Inhalt der vermittelten Informationen (blauer Kreis).
Zweitens die verschiedenen Arten, wie diese Informationen vermittelt werden (grüner Kreis).
Und drittens die Elemente, die scheinbar beeinflussen, welche Informationen Osteopath*innen ihren Patient*innen weitergeben (oranger Kreis).
Diese Einflussfaktoren wirken sich sowohl auf die Bestimmungsfaktoren als auch auf den Inhalt der Information aus. Im Folgenden beschreiben wir diese drei Aspekte genauer.

Inhalt

Zunächst zum ersten Aspekt: dem Inhalt der Informationen, die Therapeut*innen ihren Patient*innen geben.
Alles, was aus unseren Interviews hervorging, entsprach weitgehend unseren Erwartungen, also dem, was vom BAG vorgegeben wird. Wir haben die Inhalte in folgende Kategorien eingeteilt: „allgemeine Informationen“, „Informationen zur manuellen Behandlung“, „Informationen zu den nächsten Schritten der Betreuung“ sowie „Informationen für bereits bekannte Patient*innen“.
Zu den allgemeinen Informationen gehören beispielsweise die Kosten der Sitzung oder die Kostenübernahme durch Versicherungen.
Bei den Informationen zur manuellen Behandlung geht es etwa um den Ablauf der Behandlung oder die verwendeten Techniken.

Art und Weise

Der zweite Aspekt betrifft die Art und Weise der Informationsvermittlung.
Bei der Analyse unserer Interviews wurde deutlich, dass ein und dieselbe Information auf sehr unterschiedliche Weise vermittelt werden kann. Wir haben drei Formen der mündlichen Kommunikation identifiziert:

  • Eine kurze und knappe Mitteilung (affirmative Kommunikation),
  • eine ausführlichere, erklärende Darstellung (erklärende Kommunikation),
  • sowie eine Form, die Patient*innen zur Teilnahme einlädt und eine Diskussion eröffnet (partizipative Kommunikation).

Darüber hinaus kann die Informationsvermittlung zwischen Patient*innen variieren oder konstant bleiben.
Eine Information kann systematisch an alle Patient*innen weitergegeben werden (konstant) oder je nach Situation und Patiententyp variieren (inkonstant).
In manchen Fällen wird eine Information auch gar nicht vermittelt.

Einflussfaktoren auf die Informationsvermittlung

Während der Interviews haben wir Faktoren identifiziert, die die Art und Weise beeinflussen, wie Osteopath*innen Informationen weitergeben – das ist der dritte Aspekt unserer Ergebnisse.
Einerseits gibt es Faktoren, die vom Therapeuten bzw. von der Therapeutin abhängen, etwa Annahmen über die Patient*innen, die die Informationsvermittlung beeinflussen. Zwei Beispiele aus den Interviews:
„Der Patient möchte direkt zur Behandlung übergehen und noch nicht diskutieren“ oder
„Patienten, die nicht manipuliert werden wollen, sagen das“.

Andererseits gibt es Faktoren, die vom Patientenprofil abhängen. Informationen können beispielsweise je nach Alter oder Lebenssituation variieren. Auch die Fragen der Patient*innen spielen eine Rolle: Viele Osteopath*innen gaben an, ihre Informationen an den Fragen der Patient*innen auszurichten.

Diskussion

Zusammenfassend zeigt unsere Arbeit, dass sowohl die Inhalte als auch die Art der Informationsvermittlung je nach Osteopath*in stark variieren und von verschiedenen Einflussfaktoren abhängen.
Während der Inhalt der Informationen den Erwartungen entspricht, kann die Art der Vermittlung sehr unterschiedlich sein: knapp, ausführlich oder dialogorientiert.
Ausserdem kann die Informationsweitergabe systematisch oder situationsabhängig erfolgen.

Unsere Studie zeigt, dass Osteopath*innen ihre Informationsvermittlung häufig an Annahmen über ihre Patient*innen anpassen.
Eine Studie aus dem Jahr 2004 weist ebenfalls darauf hin, dass Therapeut*innen oft nur wenige Informationen geben, basierend auf dem, was sie für notwendig halten. Diese Studie schlägt vor, Patient*innen direkt nach ihrem Informationsbedarf zu fragen, um besser darauf eingehen zu können.

Take-Home-Message

Die Einwilligung ist verpflichtend. Sie kann implizit oder explizit erfolgen.
Sie muss frei und informiert sein – dafür müssen Patient*innen angemessen informiert werden.

Diese Arbeit soll uns Osteopath*innen dazu anregen, unsere eigene Praxis der Informationsvermittlung zu reflektieren und uns der Faktoren bewusst zu werden, die uns dabei beeinflussen:
Wie informieren wir unsere Patient*innen?
Welche Faktoren beeinflussen uns dabei?
Welche Annahmen treffen wir über den Informationsbedarf unserer Patient*innen?

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